IgG4-Lebensmitteltests: Was der Befund wirklich aussagt.
IgG- oder IgG4-Lebensmitteltests werden sehr häufig durchgeführt sobald man Probleme mit der Verdauung hat. Das Ergebnis sieht beeindruckend aus: eine Liste mit dutzenden oder hunderten Lebensmitteln, farblich sortiert nach Belastungsgrad.
Rein technisch funktioniert die Messung, das Problem ergibt sich nur aus der Interpretation der Ergebnisse
In diesem Beitrag gehe ich darauf ein, was IgG4 immunologisch bedeutet und welche Aussagekraft man den Befunden entnehmen kann, dazu Studien und Aussagen der Fachgesellschaften.
Gemeint ist hier nicht die IgE-Diagnostik. IgE-Antikörper gegen Nahrungsmittel sind ein etablierter Bestandteil der Allergiediagnostik.
Was wird bei diesen Tests gemessen?
Aus einer Blutprobe werden Antikörper der Klasse IgG oder der Unterklasse IgG4 gegen Nahrungsmittelproteine bestimmt, üblicherweise per ELISA. Getestet werden je nach Panel zwischen etwa 20 und mehreren hundert Lebensmittel.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen den beiden Varianten, weil sie oft vermischt werden:
Gesamt-IgG erfasst alle vier IgG-Unterklassen gegen das jeweilige Lebensmittel.
IgG4 erfasst nur eine dieser Unterklassen.
Beide werden in Deutschland als Selbstzahlerleistung angeboten. Die Kosten liegen je nach Panelgröße im mittleren bis hohen dreistelligen Bereich.
Welche Bedeutung hat IgG4 im Immunsystem?
IgG4 hat mehrere Eigenschaften, die es von den anderen IgG-Unterklassen unterscheiden. Es kann Antigene nicht quervernetzen und damit keine großen Immunkomplexe bilden und aktiviert das Komplementsystem praktisch nicht. Beides wären Voraussetzungen für eine entzündliche Reaktion
Stattdessen gilt IgG4 als blockierender Antikörper. Es bindet ein Antigen, ohne eine Aktion auszulösen, und kann dadurch die Bindung von IgE an dasselbe Antigen behindern. Bewirkt also eher das Gegenteil einer Allergischen Reaktion.
Ein Beispiel dafür ist die Allergen-Immuntherapie. Wenn eine Hyposensibilisierung anschlägt, steigen die allergenspezifischen IgG4-Spiegel an. Ein Anstieg von IgG4 ist dort also ein Zeichen dafür, dass die Behandlung wirkt, nicht dafür, dass sich eine Unverträglichkeit entwickelt.
Was kann man daraus für die Nahrungsmittelunverträglichkeitstests schlussfolgern?
Die EAACI-Arbeitsgruppe fasst das in ihrem Positionspapier so zusammen: Nahrungsmittelspezifisches IgG4 zeigt keine Allergie und keine Unverträglichkeit an, sondern eine physiologische Reaktion des Immunsystems nach Kontakt mit Nahrungsbestandteilen. Es wird dort ausdrücklich als Indikator für immunologische Toleranz eingeordnet
Was spiegelt der Befund wider?
Auffällig sind fast immer, dass die Lebensmittel, die regelmäßig gegessen werden, erhöhte Titer haben.
Das ist die Schlussfolgerung dessen, was der Test misst. Antikörper entstehen nach Antigenkontakt. Wer viel Weizen isst, hat mehr Weizenkontakt und entsprechend mehr “Weizen-Antikörper”.
Der Test findet zuverlässig die häufigsten Nahrungsmittel des Getesteten und empfiehlt dann, genau diese wegzulassen.
Ein positiver IgG4-Wert gegen ein Lebensmittel sagt nur, dass der Körper Kontakt mit diesem Lebensmittel hatte. Es ist keine Aussage zu einer Unverträglichkeit oder Allergie.
Welche Studien zu dem Thema gibt es?
Atkinson et al. 2004 s.u. 150 Reizdarmpatienten, randomisiert auf eine IgG-geleitete Eliminationsdiät, sowie eine Kontrollgruppe, die die gleiche Anzahl an Lebensmitteln weg ließ. Die Interventionsgruppe schnitt besser ab. Diese Arbeit wird gerne von Testanbietern zitiert. Allerdings hatte sie auch ein paar inhaltliche Schwächen wie hohe Abbruchquoten und die Verwendung von FODMAP reichen Lebensmitteln.
Singh et al. 2025 s.u. Randomisiert, doppelblind, 238 Reizdarmpatienten. Verwendet wurde ein IgG-Assay mit 18 reizdarmrelevanten Lebensmitteln. Es sollte eine Schmerzreduktion von mindestens 30 Prozent erreicht werden, dies wurde von 59,6 Prozent in der Interventionsgruppe und 42,1 Prozent in der Scheingruppe erreicht.
Das ist ein statistisch signifikantes Ergebnis. Es gibt dazu noch folgende Kritikpunkte:
auch unter der Scheindiät besserten sich 42 Prozent der Probanden. Der Beitrag des Antikörperbefunds ist also deutlich kleiner als der Gesamteffekt einer Ernährungsumstellung. In derselben Zeitschrift ist ein Kommentar erschienen, der genau diesen Punkt aufgreift und den klinischen Zusatznutzen des Assays infrage stellt.
Gemessen wurde Gesamt-IgG, nicht IgG4.
Bleibt festzuhalten, dass es zwei Studien gibt, die durchaus für einen Nutzen sprechen können. Beide sind allerdings methodisch schwierig, da es immer große Ernährungsumstellungen waren und es aufgrund der Vielzahl an Einflüssen (Gluten, FODMAPs usw.) nicht einfach ist, dies allein der IgG-Reaktion zuzuschreiben.
Warum der Befund praktisch schaden kann
Abgesehen von den Kosten entstehen bei strikter Befolgung des Befunds auch Risiken:
Unnötige Einschränkung der Ernährung. Oft zusätzlich zur histaminarmen oder Low-FODMAP Ernährung.
Risiko für Nährstoffdefizite. Durch starke Einschränkung der Ernährung
Verstärkung von Angst. Eine lange Liste an verbotenen Lebensmitteln schadet eher dem Nervensystem, als dass es Entspannung bringt.
Zeitverzögerung der eigentlichen Abklärung. Betroffene führen häufig monatelange Diäten durch, da sie meinen die Ursache gefunden zu haben.
Zufällige Bestätigung. Durch das Weglassen großer Lebensmittelgruppen werden häufig zufällig auch Lebensmittel wie Weizen weggelassen, was zu einer scheinbaren Besserung führt, obwohl die Ursache woanders liegt.
Fazit
IgG gegen Nahrungsmittel ist kein Anzeichen für eine Unverträglichkeit oder Allergie. Ein auffälliger Befund belegt, dass ein Lebensmittel gegessen wurde, und erlaubt keinen Rückschluss auf Beschwerden.
Literatur:
EAACI-Positionspapier zu IgG4 gegen Nahrungsmittel: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/18489614/
Deutschsprachige Stellungnahme zu IgG- und IgG4-Bestimmungen: https://www.gpau.de/fileadmin/user_upload/GPA/dateien_indiziert/Leitlinien/Leitlinie_IgG-Bestimmung_gegen_Nahrungsmittel.pdf
Atkinson et al. 2004: https://pure.york.ac.uk/portal/en/publications/food-elimination-based-on-igg-antibodies-in-irritable-bowel-syndr/
Singh et al. 2025: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39894284/