Die Rolle des Thiamins bei SIBO

Vitamin B1 hat einige recht interessante Verknüpfungen zum SIBO-Geschehen, die ich hier gerne näher beleuchten möchte. Zum einen ist es möglich, dass SIBO zu einem Mangel an Vitamin B1 führen kann, was das Geschehen verstärken kann. Zum anderen kann auch ein Thiaminmangel der Auslöser für eine SIBO sein.

SIBO-Thiamin Wechselwirkungen

Was ist überhaupt Thiamin?

Thiamin wurde als eins der ersten Vitamine entdeckt, als man die Krankheit Beriberi (darauf kommen wir später noch einmal zurück) erforschte. Einfach gesagt spielt B1 eine wichtige Rolle bei der Umwandlung von Kohlenhydraten in Energie sowie an der Reizweiterleitung im Nervensystem.

Thiamin ist wasserlöslich, das heißt es muss regelmäßig zugeführt werden und der Körper kann es nur für begrenzte Zeit speichern (2-3 Wochen).

Größere Mengen Thiamin sind in folgenden Lebensmitteln enthalten: Schweinefleisch, Sonnenblumenkerne, Sesam, Vollkorngetreide, Hülsenfrüchte sowie Rinder- und Schweineleber.

Ein Mangel ist normalerweise nicht unbedingt üblich aber durchaus möglich. Risikogruppen sind unter anderem Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen.

Risikogruppe

Menschen mit Verdauungsproblemen, SIBO, HIT sollten Thiamin unbedingt auf dem Schirm haben, da es aufgrund der einseitigen Ernährung z.B. Low-FODMAP + Histaminarm schnell zu einer Unterversorgung kommen kann

SIBO als Ursache für einen Thiaminmangel

Nun gibt es verschiedene Effekte, die neben der eingeschränkten Ernährung für einen Thiaminmangel relevant sind:

Der Dünndarm ist die zentrale Aufnahmestelle für die meisten Vitamine und Mineralstoffe. Bei SIBO haben sich dort Bakterien angesiedelt, die eigentlich im Dickdarm beheimatet sind, und stören diesen Prozess auf mehreren Ebenen:

  • Nährstoffkonkurrenz: Die Bakterien verstoffwechseln Teile der Nahrung, bevor der Körper sie aufnehmen kann. Teils werden Vitamine dabei direkt verbraucht.

  • Schädigung der Darmschleimhaut: Bakterielle Stoffwechselprodukte und die dauerhafte Reizung können die Dünndarmzotten in Mitleidenschaft ziehen, wodurch die Aufnahmefläche kleiner wird.

  • Veränderter Gallensäurestoffwechsel: Bakterien können Gallensäuren vorzeitig dekonjugieren, was vor allem die Aufnahme fettlöslicher Vitamine (A, D, E, K) beeinträchtigt. (Der Vollständigkeit halber mit aufgezählt)

  • Bakterielle Thiaminasen: Einige Bakterienarten sind in der Lage Thiaminasen zu bilden. Diese spalten Thiamin und machen es unwirksam. Thiaminasen können jedoch auch bei gesunden Menschen auftreten, die genauen Zusammenhänge werden derzeit noch erforscht.

Folgende Symptome sind typisch für einen B1-Mangel, können sich jedoch stark mit allgemeinen SIBO-Symptomen überschneiden:

  • Müdigkeit und Erschöpfung

  • Konzentrationsprobleme und Brainfog

  • Muskelschwäche, Zittern oder Taubheitsgefühl

  • Appetitverlust

  • neurologische Symptome

Thiaminmangel als Auslöser für SIBO

Ein Thiaminmangel kann eine SIBO auf mehreren Wegen begünstigen. In der Literatur wird das Phänomen als "Gastrointestinal Beriberi" bezeichnet.

Klassischerweise unterscheidet man zwischen „Wet Beriberi" (kardiovaskulär) und „Dry Beriberi" (neurologisch). Ein Thiaminmangel kann aber auch isoliert einzelne Organsysteme betreffen, etwa beim „Gastrointestinal Beriberi", das primär den Magen-Darm-Trakt betrifft

Ein Mangel der Acetylcholinverfügbarkeit im enterischen Nervensystem, wie es bei einem Thiaminmangel der Fall ist, schwächt den Ausführungen von Lonsdale nach, den Vagustonus und beeinträchtigt die Motilität des Magens und Dünndarms, zudem hemmt ein Thiaminmangel die Freisetzung von Magensäure. Beide Effekte, verlangsamte Motilität und verminderte Magensäure, sind zentrale Schutzmechanismen gegen eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms. Fällt einer dieser Mechanismen aus, können sich Bakterien leichter im Dünndarm ansiedeln, wodurch ein Thiaminmangel selbst zum auslösenden oder begünstigenden Faktor einer SIBO werden kann.

Zu dem ganzen Komplex gibt es spannende Ausarbeitungen von Elliot Overton auf seiner Seite eonutritions.co, sowie von Derrick Lonsdale auf hormonesmatter.com.

Fallberichte

Es gibt einige spannende Fallberichte, überwiegend Einzelfälle ohne kontrollierte Studien, in denen eine hohe Dosierung der synthetischen Thiaminform (TTFD) zu deutlichen Verbesserungen von SIBO und Magen-Darm-Problemen geführt hat.

Welche Formen der Supplements gibt es?

Eine Übersicht über die häufigsten Thiaminformen, es gibt noch ein paar mehr aber die spielen eine untergeordnete Rolle

Thiaminhydrochlorid

ist die klassische, wasserlösliche Form von Vitamin B1 und die älteste verfügbare Variante. Ab den 1930er-Jahren war es die erste breit verfügbare Supplementierungsoption.

Der Nachteil liegt in der Aufnahme: Thiamin-HCl wird im Darm über einen aktiven Transporter aufgenommen, der bei höheren Dosen gesättigt ist. Die Bioverfügbarkeit liegt unter 10 %. Für die Behebung eines akuten Mangels reicht das oft nicht aus, weshalb hier meist auf andere Methoden ausgewichen wird.

Thiaminhydrochlorid ist zusammen mit nachfolgendem Mononitrat häufig die Form der Wahl in B-Komplexen.

Thiaminmononitrat

ist neben Thiaminhydrochlorid die zweite gängige wasserlösliche Form von Vitamin B1. Es wird seit Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem in der Lebensmittelanreicherung (Mehl, Reis) eingesetzt.
Der Unterschied liegt in der Stabilität: Thiaminmononitrat ist weniger hygroskopisch als Thiaminhydrochlorid und dadurch bei Lagerung und Verarbeitung stabiler. Die Bioverfügbarkeit ist ähnlich, da beide Salze über denselben Transporter aufgenommen werden.

Benfotiamin

ist eine synthetische Vorstufe, die in den 60ern erstmals in Japan beschrieben wurde. Benfotiamin wird im Darm zunächst zu S-Benzoylthiamin umgewandelt und transporterunabhängig aufgenommen, erst danach zu Thiamin verstoffwechselt. Die Bioverfügbarkeit ist hierdurch etwa 5-mal höher.

Benfotiamin ist selten Bestandteil klassischer B-Komplexe, man findet es meist in speziellen Präparaten, vor allem zur Behandlung von diabetischer Polyneuropathie.

TTFD (Thiamintetrahydrofurfuryldisulfid)

ist ein schwefelhaltiges Disulfid-Derivat. Es gehört zur Gruppe der sogenannten Allithiamine. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass Allicin, der Wirkstoff aus Knoblauch, spontan mit Thiamin reagiert und dabei fettlösliche, membrangängige Verbindungen bildet. Allithiamine. TTFD ist die synthetisch stabilisierte Weiterentwicklung und wurde ursprünglich zur Behandlung von Beriberi entwickelt. Die Bioverfügbarkeit ist deutlich höher als Thiaminhydrochlorid, außerdem wird eine Passage der Blut-Hirn-Schranke diskutiert, daher kann es auch bei neurologischen Problemen eingesetzt werden.

Kann ich Thiamin im Labor messen?

Ja, es gibt sogar verschiedene Methoden, allerdings ist die Aussagekraft je nach Test sehr unterschiedlich:

Thiamin im Serum oder Plasma:

Bei dieser Messung wird das freie Thiamin mittels HPLC im Blutserum oder Plasma bestimmt, also ohne zelluläre Bestandteile. Dieser Anteil hängt stark von der letzten Nahrungsaufnahme ab und schwankt entsprechend. Zudem sitzt der größte Teil des Thiamins (~90 %) intrazellulär, unter anderem in den Erythrozyten. Ein Serumwert spiegelt die zelluläre Versorgung daher nicht unbedingt wider.

ThDP Konzentration

Bei dieser Methode werden aufgrund der oben genannten “Problematik” des intrazellulären Vorkommens, die Erythrozyten zur Messung herangezogen. Hier wird Thiamindiphosphat (ThDP) intrazellulär gemessen, dies ist die aktive Coenzymform von Thiamin. Die Messung gilt aktuell als aussagräftigster Marker.

Erythrozyten Transketolase

Die Bestimmung der Erythrozyten-Transketolase-Aktivität war lange der diagnostische Standard. Gemessen wird hier nicht die Thiaminmenge selbst, sondern die Aktivität der Transketolase, eines Enzyms das Thiamindiphosphat als Coenzym benötigt. Die Aktivität wird zweimal bestimmt, einmal ohne und einmal nach Zugabe von Thiamindiphosphat. Steigt die Aktivität nach der Zugabe deutlich an, lag ein großer Teil des Enzyms unbesetzt vor, was für einen Mangel spricht. Heute wird der Test nur noch selten durchgeführt.

Bioaktives Vitamin B1

Die Messung des bioaktiven Vitamins ist eine ganz interessante Methode. Hier werden die Proben mit bestimmten Mikroorganismen (vor allem Bakterien und Hefen), denen nur Thiamin für das Wachstum fehlt, bebrütet, alle anderen Nährstoffe liegen in der Matrix vor. Anhand der entstandenen Trübung wird dann die Menge des aktiven Vitamins bestimmt. Belastbare unabhängige Vergleichsdaten zur etablierten ThDP-Messung fehlen bislang.

Literatur:

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Methan im Atemgastest: Welche Rolle spielen die Archaeen?

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Histaminintoleranz testen: Was sagen die Laborwerte aus?