IBS-smart: Was der Reizdarm-Bluttest misst und was er bringt.

Was ist IBS-smart?

Ibs-smart ist ein Bluttest des US-Unternehmens Gemelli Biotech. Er basiert auf den Forschungsarbeiten des Gastroenterologen Mark Pimentel. Gemessen werden zwei Antikörper: Anti-CdtB und Anti-Vinculin. Diese können eine Rolle beim Postinfektiösen Reizdarm Syndrom spielen und auch eine Rolle bei SIBO spielen.

Folgende Aussagen werden vom Hersteller getätigt:

  • Ist einer der beiden Antikörper erhöht, soll die Diagnose Reizdarm mit 96 % Sicherheit zutreffen, sind beide erhöht, mit 100 %.

  • Der Test soll bei Reizdarm mit Durchfall, und Mischtyp nützlich sein, beim Verstopfungstyp dagegen nicht.

  • Ein positives Ergebnis soll auf eine zurückliegende Magen-Darm-Infektion als Auslöser hinweisen

Reizdarm, SIBO und Motilität: der Zusammenhang

Dass sich ein Reizdarm nach einer Magen-Darm-Infektion entwickeln kann, ist gut belegt. Man spricht vom postinfektiösen Reizdarmsyndrom. Schätzungen zufolge ist etwa jeder zehnte nach einer bakteriellen Lebensmittelvergiftung davon betroffen.

Folgende Mechanismen werden von Pimentel dazu beschrieben:

  1. Häufige Durchfallerreger wie Campylobacter, Salmonellen, Shigellen oder bestimmte E. coli bilden ein Toxin namens CdtB.

  2. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen dieses Toxin.

  3. Diese Antikörper reagieren vermutlich auch mit Vinculin, einem körpereigenen Strukturprotein. Man spricht von molekularer Mimikry, d.H. es bindet fälschlicherweise.

  4. Vinculin kommt unter anderem in den Nervenzellen der Darmwand und in den Cajal-Zellen vor. Die Cajal-Zellen geben den Takt der Darmbewegung vor und werden so “durcheinander” gebracht.

  5. Betroffen ist insbesondere der migrierende motorische Komplex (MMC), der den Dünndarm im nüchternen Zustand regelmäßig durchbewegt. (Darstellung unten)

  6. Arbeitet der MMC schlechter, werden Bakterien nicht mehr ausreichend in Richtung Dickdarm transportiert. Eine Dünndarmfehlbesiedlung (SIBO) wird wahrscheinlicher.

Hier mal eine Grafik zur Veranschaulichung des blockierten MMC:

Anti-Vinculin und Darmmotorik

Oben das Netzwerk der Cajal-Zellen, der Taktgeber der Darmmuskulatur, unten der migrierende motorische Komplex (MMC) im Dünndarm. Umschaltbar zwischen Normalzustand und dem Modell mit Anti-Vinculin-Antikörpern.

Netzwerk der Cajal-Zellen mit und ohne Anti-Vinculin Fünf miteinander verbundene Cajal-Zellen, jeweils mit Vinculin markiert. Im Modell mit Anti-Vinculin binden Antikörper an Vinculin, einzelne Zellen gehen zurück und die Verbindungen werden schwächer. Anti-Vinculin gebunden Cajal-Zellen (ICC), Netzwerk als Taktgeber der Darmmuskulatur

Cajal-Zelle Vinculin YAnti-Vinculin

Animation des migrierenden motorischen Komplexes im Dünndarm Dünndarm als Schlauch vom Duodenum bis zum Ileum. Die Kontraktionsfront der Phase III wandert Richtung Dickdarm und transportiert Bakterien ab. Darunter eine Zeitleiste mit den Phasen I bis III. Migrierender motorischer Komplex (nüchtern) Richtung Dickdarm Duodenum Jejunum Ileum

Was machen die beiden Antikörper?

Anti-CdtB wird gebildet, wenn das Immunsystem sich mit dem bakteriellen Toxin auseinandersetzt. Ein erhöhter Wert weist also auf eine zurückliegende bakterielle Magen-Darm-Infektion hin, unabhängig davon, wie lange diese her ist. CdtB ähnelt in seiner Struktur dem körpereigenen Protein Vinculin. Die Antikörper, die eigentlich das Toxin bekämpfen sollen, erkennen deshalb auch Vinculin und greifen es fälschlicherweise an. Diesen Vorgang nennt man molekulare Mimikry.

Anti-Vinculin ist ein Autoantikörper, also gegen körpereigenes Gewebe gerichtet, in diesem Fall die Cajal-Zellen. Laut Hersteller entwickelt er sich meist drei bis vier Monate nach der Infektion. Werden die Cajal-Zellen dadurch beeinträchtigt, gerät der Takt der Darmmuskulatur durcheinander, der MMC arbeitet schwächer, und Bakterien werden nicht mehr ausreichend aus dem Dünndarm abtransportiert. Das kann eine bakterielle Fehlbesiedlung begünstigen.

Was nützt der Test?

Ein positives Ergebnis kann hilfreich sein. Es liefert einen Hinweis auf die mögliche Ursache der Beschwerden und kann erklären, warum eine SIBO entstanden ist. Er ist ein guter Hinweis darauf, dass es sich aus oben genannten gründen um ein autoimmunes Motilitätsproblem handelt. Folglich also prokinetische Strategien mit einbezogen werden sollten.

Gegen die Autoantikörper in dem Sinne ist nicht viel zu machen außer sehr invasive Methoden wie Apheresen / Immunadsorption oder intravenöse Immunglobuline. Diese Methoden sind aber alle sehr teuer und der IBS Smart bietet keine anerkannte Grundlage für eine solche therapeutische Entscheidung.

Grenzen der Methode:

  • Ein negatives Ergebnis schließt einen Reizdarm nicht aus.

  • Der Test ist keine SIBO-Diagnostik. Er ersetzt keinen Atemgastest.

  • Beim Verstopfungstyp und bei methandominanter Fehlbesiedlung ist er kaum aussagekräftig.

  • Unabhängige Studien kamen teils zu schwächeren Ergebnissen als die Herstellerstudien.

  • In der deutschen Reizdarm-Richtlinie ist der Test noch nicht aufgenommen.

Ist der Test in Deutschland möglich?

Ein deutsches Labor, das ibs-smart oder eine vergleichbare Messung anbietet, gibt es derzeit (2026) nicht. In der Schweiz bietet Unilabs eine eigene Version. Daneben gibt es Anbieter wie Nordic Laboratories zu denen man aus Deutschland versenden kann. Dort wird der Test allerdings ausdrücklich nur für Informationszwecke geführt und nicht zur medizinischen Diagnose.

Meine Erfahrung mit Nordic Laboratories

Auf der Suche nach der Ursache meiner SIBO wollte ich es genau wissen und habe mir das Testkit von Nordic Laboratories bestellt. Zu einem Ergebnis kam es leider nie: Die Blutprobe traf zu spät im Labor ein, obwohl ich sie mit der vom Labor vorgegebenen Versandmethode zurückgeschickt hatte. Eine Rückerstattung oder ein zweites Abnahmeset gab es nicht. Gerade bei dem hohen Preis, der vorab zu zahlen war, empfinde ich das als sehr kundenunfreundlich.

Fazit

ibs-smart ist ein interessanter Ansatz, weil er für einen Teil der Reizdarm-Patienten eine mögliche Ursache sichtbar macht und den Zusammenhang zwischen Infektion, Motilitätsstörung und SIBO greifbar macht.

Ein positiver Befund kann die Ursachensuche sinnvoll ergänzen.

Als Standarddiagnostik eignet sich der Test nicht, zumal er in Deutschland derzeit kaum sinnvoll zu bekommen ist.

Wenn du unsicher bist, welche Diagnostik in deinem Fall sinnvoll ist, melde dich gern für ein kostenloses Erstgespräch.

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